s t e f a n b ü n n i g

Hikikomori

Video für das Stück von Holger Schober
Inszenierung: Baris Karademir

Mit
Sören Canenbley

Das kleine, feine Stück “Hikikomori” über den Ausnahmezustand, in dem sich Menschen befinden, die sich abschotten und nur noch über das Internet kommunizieren, ist im Gostner Hoftheater Nürnberg zu sehen.

Apfelmus reicht. Vitamine, Kalorien, auch ohne Löffel schlürfbar – mehr braucht der Computer-Nerd nicht, der sich H. nennt und vermutlich schon vergessen hat, wie er wirklich heißt. Apfelmus kann man sich auch über den Kopf gießen, wenn die Verzweiflung groß ist. In einer Kammer, ausgekleidet mit einer Tastatur-Tapete, haust er auf einer fleckigen Matraze wie ein Insekt. Gegen den eigenen Gestank hilft Raumspray.

Der junge Autor Holger Schoberhat diese Schneckenhaus-Existenz in ein knackiges Stück gegossen, schildert eine Extremform der Weltflucht ins virtuelle Netz, nicht mit Mitleid, sondern mit dem nüchternen Blick des Beobachters. Auch Regisseur Baris Karademir beschränkt sich aufs Wesentliche, hat mit Sören Canenbley einen Schauspieler gefunden, der die Mischung aus Selbsthass, Lethargie und Phobien zur nachvollziebaren Figur zusammenschmelzen lässt. Dazu gibt´s treibende Musik und Videos.

Mit wechselnden Stimmlagen spricht Canenbley Chat-Dialoge mit der unbekannten Rosebud, die tippenden Finger in Einweghandschuhen – wenigstens der Computer soll ja sauber bleiben, wenn das reale Leben schon so dreckig ist. Das Stück wirkt – bewusst oder nicht – unfertig, es erzählt in Schlaglichtern die Frustration einer Jugend: unglücklich verliebt, zu schüchtern, um es der Angebeteten zu sagen – und im Tanzkurs kotzt er ihr aufs Kleid.

Manche verarbeiten sowas später in humoristischen Büchern. H. wird eben zu “Hikikomori”, wie japanische Soziologen das Phänomen nennen: zu einem, der nicht mal die Mutter, die aus dem Off schimpft und wimmert, in seine Welt lässt. Dass Rosebud im echten Leben ein Rettungsanker sein könnte, merkt H. erst spät… Für die kleine, treffende Produktion gab es üppig Applaus.

Katharina Erlenwein, Nürnberger Nachrichten

Eine Produktion des Gostner Hoftheater
Premiere am 29.06.11 im Gostner Hoftheater, Nürnberg